Warum sprechen die weltweit führenden Unternehmen der Milchwirtschaft heute mehr über Rentabilität als über Produktivität?
Der Milchsektor folgte lange Zeit einer recht einfachen Logik – mehr Milch bedeutet mehr Einnahmen. Daher drehten sich die zentralen Fragen über viele Jahrzehnte hinweg um die Produktivität: Wie lässt sich mehr Milch pro Kuh gewinnen, wie lässt sich der Ertrag pro Hektar steigern, wie lassen sich größere Herden halten und die verfügbaren Ressourcen effizienter nutzen? Es scheint jedoch, als würde die weltweite Milchwirtschaft allmählich ihre Prioritäten verschieben.
Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte das Beratungsunternehmen McKinsey & Company die achte jährliche Umfrage unter Führungskräften der Milchwirtschaft mit dem Titel „The Dairy Industry’s 2026 Playbook: Protect Margins, Pursue Growth“ veröffentlicht. An der Studie nahmen mehr als zweihundert Führungskräfte der Milchwirtschaft aus den Vereinigten Staaten und Europa teil; zusätzlich wurden einundvierzig Tiefeninterviews mit Führungskräften der obersten Ebene durchgeführt. Ziel der Studie war es, zu verstehen, welche wichtigsten Herausforderungen und Chancen die Führungskräfte der Milchwirtschaft heute sehen.
Die Ergebnisse geben Anlass zum Nachdenken. Die Mehrheit der Befragten spricht nicht von der Notwendigkeit, mehr Milch zu produzieren. Viel häufiger geht es um die Sicherung der Rentabilität. Auf den ersten Blick mag dies wie ein kleines Detail in der Formulierung erscheinen. Tatsächlich deutet dies jedoch auf einen sehr wichtigen Wandel in der Denkweise hin. Wenn sich ein Sektor an der Produktivität orientiert, lautet die zentrale Frage: Wie lässt sich die Produktion steigern? Wenn sich ein Sektor an der Rentabilität orientiert, lautet die zentrale Frage: Wie lässt sich aus jedem Kilogramm produzierter Milch mehr Wert schaffen? Das ist nicht dasselbe.
Mehr Milch bedeutet nicht unbedingt mehr Gewinn
Die letzten Jahre waren für den Milchsektor von Gegensätzen geprägt. In vielen Regionen der Welt stieg die Milchproduktion. Es wurde in neue Betriebe, moderne Technologien, produktivere Zuchtlinien und effizienteres Futter investiert. Gleichzeitig stiegen jedoch auch die Kosten. Energie, Logistik, Bau, Ausrüstung und Arbeitskräfte wurden teurer. In vielen Ländern wurden auch die regulatorischen Anforderungen verschärft. Daher sahen sich viele Unternehmen der Milchwirtschaft mit einer Situation konfrontiert, in der der Umsatz zwar stieg, die Rentabilität jedoch nicht. Genau diesen Trend hat eine Studie von McKinsey aufgezeigt.
Ein Großteil der befragten Führungskräfte gab an, dass ihre oberste Priorität in den kommenden Jahren nicht in einem schnelleren Wachstum, sondern in der Sicherung der Margen liege. Mit anderen Worten: Die Branche beginnt zu begreifen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie viel Milch produziert wird, sondern auch, wie viel Geld nach Abzug aller Kosten übrig bleibt.
Geht die Ära der Produktivität zu Ende?
Ganz sicher nicht. Die Produktivität bleibt einer der wichtigsten Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit der Milchwirtschaft. Allerdings ändert sich die Sichtweise darauf, was wir allgemein als Produktivität bezeichnen. Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde die Produktivität meist in Kilogramm Milch pro Kuh gemessen. Heute wird zunehmend ein viel umfassenderes System herangezogen.
Wie viel Milch produziert ein Mitarbeiter? Wie viel kostet die Produktion eines Kilogramms Milch? Wie viele Laktationen verbringt eine Kuh in der Herde? Wie viel Futter wird für ein Kilogramm Milch benötigt? Wie viel Zeit widmet das Führungsteam der Problemlösung und wie viel der strategischen Führung? Diese Fragen gewinnen ebenso an Bedeutung wie die Milchleistung. Im Grunde wird Produktivität immer häufiger als die Fähigkeit verstanden, das gesamte System effizient zu steuern, und nicht nur als die maximale Steigerung eines einzelnen Indikators.
Proteine – der neue Wachstumsmotor
Die Studie deckte einen weiteren interessanten Trend auf. Auf die Frage an Führungskräfte der Branche, welcher Verbrauchertrend heute den größten Einfluss auf den Milchmarkt habe, wurden am häufigsten weder Nachhaltigkeit noch pflanzliche Produkte noch Tierschutz genannt. An erster Stelle standen Proteine. Weltweit steigt die Nachfrage nach Produkten mit hohem Proteingehalt. Verbraucher suchen immer häufiger nach Lebensmitteln, die länger satt halten, die körperliche Aktivität unterstützen oder ein gesundes Altern fördern.
Daher investiert die Milchwirtschaft zunehmend in Produkte, bei denen nicht der Milchanteil, sondern die Zusammensetzung und der geschaffene Mehrwert im Vordergrund stehen. Dies ist auch ein wichtiges Signal für die Milcherzeuger. In Zukunft könnte der Wettbewerbsvorteil nicht nur vom Produktionsvolumen abhängen, sondern auch von der Fähigkeit, sich an die sich wandelnden Marktbedürfnisse anzupassen.
Technologien, die zum Gewinn beitragen
In der McKinsey-Studie wird auch der künstlichen Intelligenz viel Aufmerksamkeit gewidmet. Interessant ist jedoch, dass die meisten Branchenführer künstliche Intelligenz nicht als Modetechnologie betrachten, sondern als Mittel zur Entscheidungsfindung. Heute werden in landwirtschaftlichen Betrieben und Verarbeitungsunternehmen riesige Datenmengen erfasst. Doch die bloße Datenerfassung schafft noch keinen Mehrwert.
Mehrwert entsteht erst dann, wenn die Daten dabei helfen, ein Problem schneller zu erkennen, Ergebnisse genauer vorherzusagen oder eine wirtschaftlich vorteilhaftere Entscheidung zu treffen. Daher hängt der Erfolg der Technologieeinführung immer häufiger nicht von der Menge der Ausrüstung ab, sondern von der Fähigkeit, diese zur Steigerung der Rentabilität einzusetzen.
Was bedeutet das für die litauischen Milchviehbetriebe?
Im litauischen Milchsektor wird häufig über den Milchpreis, die Produktionskosten oder den Investitionsbedarf diskutiert. Das sind wichtige Fragen. Globale Trends zeigen jedoch, dass diese allein in Zukunft möglicherweise nicht mehr ausreichen werden. Die weltweit führenden Akteure der Milchwirtschaft fragen heute immer häufiger nicht mehr „Wie können wir mehr Milch produzieren?“, sondern „Wie können wir einen höheren Wert aus jedem Kilogramm produzierter Milch erzielen?“.
Dieser Unterschied mag gering erscheinen, doch genau er verändert Investitionsentscheidungen, Zuchtstrategien, die Wahl der Technologien und die gesamte Managementphilosophie des Betriebs. Vielleicht ist deshalb heute die wichtigste Frage für den Milchsektor nicht mehr, wie viel Milch wir morgen produzieren werden. Die wichtigste Frage lautet vielmehr: Wie viel Wert können wir aus der Milch schaffen, die wir bereits produzieren?