Stress lässt sich nicht vermeiden – aber man kann ihn in den Griff bekommen
Über den Komfort in landwirtschaftlichen Betrieben wird heute viel gesprochen. Bessere Liegeplätze, mehr Platz, Belüftung, präzise Fütterung – all das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Und das hat sich ausgezahlt: Die Kühe leben besser, geben mehr Milch, die Herde wirkt stabiler. Aber es gibt eine Tatsache, die man nicht ändern kann – Stress auf dem Betrieb wird es trotzdem geben.
Eine Kuh erlebt im Laufe ihres Lebens unvermeidlich Veränderungen: das Kalben, den Wechsel in eine andere Gruppe, eine Umstellung der Futterration, Brunstphasen, Schwankungen im Melkrhythmus. Das kann sozialer Stress sein, wenn sich die Gruppe ändert, oder körperlicher Stress – wenn sich der Organismus an neue Bedingungen anpassen muss. Die Frage lautet nicht „Wie lässt sich Stress vermeiden?“, sondern „Kehrt die Kuh nach Stress schnell zu ihrem ursprünglichen Produktivitätsniveau zurück?“
Der größte Fehler in landwirtschaftlichen Betrieben ist die Unterschätzung von Stress. Wenn eine Kuh steht, frisst und ruhig wirkt, geht man davon aus, dass alles in Ordnung ist. Doch die Biologie wirkt tiefer. Stress wirkt sich in erster Linie nicht auf das Äußere, sondern auf das Innere aus – auf den Darm, das Immunsystem und den Hormonhaushalt.
Wenn eine Kuh unter Stress steht, verteilt ihr Organismus die Energie anders. Das Überleben hat Vorrang vor Milchproduktion oder Fortpflanzung. Gleichzeitig beginnt sich die Darmflora zu verändern – die Anzahl der guten Bakterien nimmt ab, die Schutzfunktion wird geschwächt. Das bedeutet, dass das Futter nicht mehr so effizient verwertet wird und das Immunsystem anfälliger wird.
Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, den ein Landwirt oder Betriebsleiter leicht übersehen kann. Zwei Kühe reagieren in derselben Situation unterschiedlich. Die eine passt sich schnell an und findet nach wenigen Tagen wieder in ihren Rhythmus zurück. Die andere „bleibt hängen“ – ihr Milchleistung sinkt länger, sie erholt sich schwerer und hat häufiger gesundheitliche Probleme.
Und dieser Unterschied hängt sehr oft mit zwei Faktoren zusammen: dem Zustand des Darms und der genetischen Stressresistenz. Wenn die Darmflora stabil ist, wird das Futter auch in Stresssituationen effizienter verwertet. Die Kuh kommt schneller wieder auf die Beine und gerät weniger „aus dem Gleichgewicht“. Ein schwächerer Darm hingegen bedeutet, dass jeder Stress größere Folgen nach sich zieht.
Deshalb wird heute nicht nur der Energie oder den Proteinen mehr Aufmerksamkeit geschenkt, sondern auch der Frage, wie die Futterration die Darmgesundheit unterstützt. Dazu gehören stabile Futterkomponenten, weniger plötzliche Veränderungen sowie Zusatzstoffe, die das Mikrobiom und das Immunsystem unterstützen. Und genau das ist der Weg, um sicherzustellen, dass die Kuh den realen Bedingungen auf dem Betrieb standhält.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Umgebung und die Arbeitsorganisation. Jeder unnötige Stress auf dem Betrieb summiert sich. Zu häufige Gruppenwechsel, Schwankungen bei den Fütterungs- und Melkzeiten, Mängel beim Hitzemanagement – all diese einzelnen Kleinigkeiten summieren sich zu einem Ganzen und schaffen einen allgemeinen Stresshintergrund, in dem die Kuh tagtäglich lebt.
Trägt der Alltag auf meinem Betrieb dazu bei, dass die Kuh Stress leichter bewältigt, oder verstärkt er jedes Mal ihren Stresszustand noch mehr? Oft wird die größte Wirkung nicht durch große Veränderungen, sondern durch Beständigkeit erzielt. Feste Fütterungszeiten, möglichst wenige unnötige Umgruppierungen, ein klarer Melkrhythmus, angemessene Belüftung im Sommer, Ventilatoren, die eingeschaltet werden, wenn es der Kuh heiß ist, und nicht, wenn es dem Menschen heiß ist – all das trägt dazu bei, den allgemeinen Stresspegel zu senken. Und dann lassen sich selbst unvermeidbare Stresssituationen leichter bewältigen.
In diesem Zusammenhang wird auf den Betrieben zunehmend auch auf die Genetik geachtet: Wenn Bullen nicht nur nach Milchleistung, sondern auch nach Gesundheit, Fruchtbarkeit und Langlebigkeit ausgewählt werden, ergibt sich über mehrere Generationen hinweg ein völlig anderes Ergebnis. Eine solche Herde verliert nach Veränderungen weniger an Produktivität, erholt sich schneller und behält eine stabile Produktion und Reproduktion bei. Das ist keine kurzfristige Lösung, aber über mehrere Generationen hinweg verändert dies die gesamte Stabilität der Herde.
Letztendlich läuft alles auf eine sehr praktische Sache hinaus. Stress auf dem Betrieb gab es schon immer und wird es auch weiterhin geben. Der Unterschied zwischen den Betrieben zeigt sich jedoch darin, dass die Kühe an manchen Orten nach Stress schnell wieder einsatzbereit sind, während sie an anderen Orten lange aus dem Rhythmus „aussteigen“.
Betriebe, die stabil arbeiten, sind nicht diejenigen, in denen es keinen Stress gibt, sondern jene, in denen sich die Kühe schnell erholen und wieder in den Rhythmus zurückfinden. Und diese Erholung ist niemals zufällig. Sie wird von drei Faktoren bestimmt: wie wir füttern, wie wir die Umgebung gestalten und welche genetische Ausrichtung wir wählen. Genau hier beginnt echtes Management – wenn wir nicht die Folgen bekämpfen, sondern das System im Voraus stärken.
Julija Sachnevyč, Beraterin für Melkprozesse