Farm Europe: Europa läuft Gefahr, seine Abhängigkeit in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Energie zu verstärken
Nachdem die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, am 16. September im Europäischen Parlament den Jahresbericht zur Lage der Europäischen Union vorgestellt hatte, bewertete „Farm Europe“ den von der Kommission eingeschlagenen Kurs in den Bereichen Landwirtschaft, Ernährung und Energie kritisch. Nach Ansicht der Organisation reichen politische Erklärungen nicht aus, um die strategische Autonomie Europas zu erreichen – die Landwirtschaft benötigt konkrete Investitionen, ausreichende Finanzierung und eine starke Gemeinsame Agrarpolitik (GAP).
In ihrer Rede widmete U. von der Leyen den Folgen der extremen Wetterereignisse dieses Sommers große Aufmerksamkeit. Die Präsidentin der Europäischen Kommission wies darauf hin, dass in Europa rund 660.000 Hektar Land verbrannt seien und Ernteausfälle in Höhe von etwa 12 Millionen Tonnen zu verzeichnen seien. Sie kündigte an, dass die Kommission im Oktober ein neues System zur Klimaresilienz vorstellen werde, in dem die 100 am stärksten gefährdeten Gebiete Europas ermittelt werden. Außerdem sind eine neue europäische Wasserinitiative sowie Maßnahmen zur Stärkung des Risikomanagements in der Landwirtschaft und des Versicherungsschutzes vorgesehen.
Farm Europe: Risikomanagement allein reicht nicht aus
Farm Europe begrüßt die stärkere Fokussierung auf Wasserknappheit, Risikomanagement und Versicherungsschutz, ist jedoch der Ansicht, dass der Umfang der angekündigten Maßnahmen den Problemen, mit denen die europäische Landwirtschaft heute konfrontiert ist, nicht gerecht wird.
Die Organisation weist darauf hin, dass im Jahr 2026 etwa 70 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der EU von Dürre betroffen waren. Daher ist ihrer Einschätzung nach die Verringerung von Wasserverlusten in der Infrastruktur zwar notwendig, für die Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel sind jedoch deutlich höhere Investitionen in Wasserspeicherung, Bewässerung, Wasserwiederverwendung, Präzisionslandwirtschaft und andere Maßnahmen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit erforderlich.
Farm Europe betont zudem, dass Versicherungs- und Risikomanagementmaßnahmen keine Alternative zu einer ausreichenden Finanzierung der EU-Landwirtschaft und einer starken, eigenständigen GAP darstellen können.
Die Vorsitzende des Verbandes der Landwirte Litauens (ŽŪR), Algimanta Pabedinskienė, weist darauf hin, dass die durch den Klimawandel verursachten Herausforderungen immer häufiger keine Zukunftsprognose mehr sind, sondern zur täglichen Realität der Landwirte werden.
„Ein Landwirt kann die immer größer werdenden Klimarisiken nicht allein tragen. Wenn wir von ihm erwarten, dass er auch unter Bedingungen wie Dürren, Starkregen oder anderen Extremereignissen die Nahrungsmittelproduktion sicherstellt, muss die europäische Politik dafür konkrete Maßnahmen bereitstellen. Wenn wir über Wasserwirtschaft, Vorsorge und Risikominderung sprechen, müssen wir auch über Investitionen in Entwässerung, Bewässerung, Wasserspeicherung, moderne Technologien und die Anpassungsfähigkeit der Betriebe sprechen“, – sagt A. Pabedinskienė.
Warnt vor zunehmender Abhängigkeit
Die größten Bedenken wecken bei Farm Europe die langfristigen Trends in der europäischen landwirtschaftlichen Produktion und im Handel.
Nach Angaben der Organisation sind die Getreideanbauflächen in der EU seit 2019 um etwa 4 Millionen Hektar zurückgegangen, während sich der Handelsüberschuss bei Getreide halbiert hat. Von 2019 bis 2023 haben sich die Weizenimporte um das 2,4-Fache erhöht, während die EU-Maisausfuhren seit 2019 um 48 Prozent zurückgegangen sind.
Farm Europe schätzt, dass der Viehbestand in der EU seit 2019 um mehr als 26 Millionen Tiere zurückgegangen ist und der Handelsüberschuss bei Fleisch um 26 Prozent – von 6,5 auf 4,8 Millionen Tonnen – gesunken ist. Nach Angaben der Organisation sind in Europa zudem 1,37 Millionen Familienbetriebe verschwunden – etwa ein Fünftel ihrer Gesamtzahl.
Auch die Abhängigkeit von Importen proteinhaltiger Rohstoffe nimmt zu. Farm Europe gibt an, dass die Nettoimporte von Ölsaatensamen und Futtermittelrohstoffen 62,3 Mio. Tonnen erreichten, verglichen mit 58,9 Mio. Tonnen im Jahr 2019. Allein die Sojaschrotimporte belaufen sich auf 41,7 Millionen Tonnen – 21 Prozent mehr als im Jahr 2019.
Laut A. Pabedinskienė werfen diese Trends eine grundlegende Frage auf: Inwieweit ist Europa tatsächlich bereit, sein landwirtschaftliches Produktionspotenzial zu sichern?
„Die Stärkung der europäischen Landwirtschaft muss mit einer ganz konkreten Antwort beginnen: Will Europa seine Lebensmittel selbst produzieren und lebensfähige landwirtschaftliche Betriebe erhalten? Wir können nicht von strategischer Unabhängigkeit sprechen und gleichzeitig die Abhängigkeit von importierten Rohstoffen, Düngemitteln, Proteinen oder Lebensmitteln erhöhen. Jeder verlorene landwirtschaftliche Betrieb und ein schrumpfender Produktionssektor schwächen nicht nur die Landwirtschaft – langfristig wird dies auch zu einer Frage der Ernährungssicherheit in Europa“, – betont die Vorsitzende des ŽŪR.
Steigende Kosten setzen die landwirtschaftlichen Betriebe unter Druck
Farm Europe weist auch auf die Produktionskosten in der Landwirtschaft hin. Nach Angaben der Organisation lagen die Preise für Stickstoffdünger im April 2026 um 71 Prozent über dem Durchschnitt des Jahres 2024. Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Düngemittelpreise in der EU im Jahresvergleich um weitere 13,4 Prozent, während die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse um 5,8 Prozent sanken.
Nach Einschätzung von Farm Europe wird die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Landwirte unter diesen Umständen zusätzlich durch steigende Importe von Agrar- und Lebensmittelprodukten sowie durch unterschiedliche Produktionsstandards in der EU und in Drittländern beeinträchtigt.
Die Organisation steht zudem der Entwicklung kritisch gegenüber, dass die Landwirtschaft zu einem der sensibelsten Bereiche in den Handelsabkommen der EU wird. Nach Ansicht von Farm Europe sollte die Politik der strategischen Autonomie Europas nicht durch eine Schwächung des eigenen landwirtschaftlichen Produktionspotenzials gestaltet werden.
Die Landwirtschaft ist auch für die Energieautonomie wichtig
Farm Europe fordert, die Landwirtschaft nicht nur als Sektor der Nahrungsmittelproduktion zu betrachten. Nach Ansicht der Organisation können Landwirte einen wesentlichen Beitrag zur europäischen Bioökonomie, zur Produktion von Biokraftstoffen und Biomethan sowie zur Erreichung der Klimaneutralitätsziele leisten.
Nach Einschätzung von Farm Europe wird dieses Potenzial jedoch nicht ausreichend genutzt. Daher besteht die Gefahr, dass Europa seine externen Abhängigkeiten nicht verringert, sondern lediglich einige durch andere ersetzt.
ŽŪR: Eine starke GAP – eine Frage der strategischen Sicherheit
Farm Europe steht auch der Ausrichtung des künftigen mehrjährigen EU-Haushalts kritisch gegenüber. Die Organisation lehnt die Aussicht ab, die garantierten Mittel für die Landwirtschaft zu kürzen und die eigenständige Stellung der GAP innerhalb der EU-Haushaltsstruktur zu schwächen. Nach Angaben der Organisation würde die von der Kommission vorgeschlagene garantierte Finanzierung in Höhe von 300 Milliarden Euro eine Kürzung um mehr als 20 Prozent bedeuten, während die Streichung einer eigenen GAP-Haushaltslinie die für die Landwirte notwendige langfristige Klarheit und Planbarkeit beeinträchtigen würde. (Farm Europe)
Die Vorsitzende der ŽŪR betont, dass sich die Diskussion über den künftigen EU-Haushalt nicht nur auf Zahlen beschränken sollte – zunächst muss entschieden werden, welche Rolle Europa der Landwirtschaft im Rahmen seiner strategischen Sicherheit einräumt.
„Die GAP ist eine der grundlegenden Politiken der Europäischen Union. Ihre Schwächung würde nicht mehr Unabhängigkeit für Europa bedeuten, sondern ein größeres Risiko, von außen abhängig zu werden. Die Ernährungssicherheit, die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft und ein lebendiger ländlicher Raum müssen als Teil der strategischen Sicherheit Europas betrachtet werden. Deshalb brauchen die Landwirte kein geringeres, sondern ein klares, stabiles und langfristiges Engagement Europas für die Landwirtschaft“, so A. Pabedinskienė.
Die Präsidentin der Europäischen Kommission versicherte in ihrem Jahresbericht, dass Europa die Landwirte unterstützen werde, und erkannte die durch Wasserknappheit verursachte Bedrohung für die Landwirtschaft und die Ernährungssicherheit an. Zudem kündigte sie eine neue europäische Wasserinitiative, ein System zur Klimaresilienz, eine Allianz für Klimaversicherungen sowie künftige Maßnahmen zum Risikomanagement in der Landwirtschaft an.
Farm Europe fordert seinerseits, der Landwirtschaft wieder den ihr gebührenden Platz im europäischen Projekt einzuräumen und sie als strategischen Sektor zu betrachten, von dem nicht nur die Lebensmittelproduktion, sondern auch die Energieversorgung, die Bioökonomie sowie andere wichtige europäische Wertschöpfungsketten abhängen.
Die Diskussion im Anschluss an den Jahresbericht von U. von der Leyen wirft eine grundlegende Frage auf: Wird das Bestreben Europas, strategisch unabhängiger zu werden, durch Investitionen in einem solchen Umfang und durch eine Agrarpolitik gestützt, die es ermöglicht, das eigene Potenzial Europas zur Nahrungsmittelproduktion zu erhalten?