Der europäische Milchsektor steht am Scheideweg
Der europäische Milchsektor steht heute am Scheideweg: Die sinkende Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe, Marktschwankungen, Risiken durch Klima und Tierkrankheiten sowie steigende Anforderungen zwingen dazu, nach neuen Lösungen zu suchen. Litauen fordert die Europäische Union (EU) auf, die Widerstandsfähigkeit des Milchsektors zu stärken, günstigere Investitionsbedingungen für landwirtschaftliche Betriebe zu gewährleisten und Instrumente zum Marktrisikomanagement effektiver einzusetzen. Diese Standpunkte legte der stellvertretende Landwirtschaftsminister Rolandas Taraškevičius auf dem 23. Internationalen Milchwirtschaftsforum in Białystok (Polen) dar.
In der auf dem Forum geführten Diskussion „Der europäische Agrarsektor am Scheideweg: Empfehlungen für den Milchsektor“ diskutierte der Staatssekretär gemeinsam mit Vertretern der Europäischen Vereinigung der landwirtschaftlichen Genossenschaften und ihrer Organisationen (COGECA), Vertretern des deutschen Raiffeisen-Verbandes und des dänischen Milchwirtschaftsrats darüber, wie die Lebensfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit des Milchsektors in Zukunft gesichert werden können.
Nach Ansicht des Staatssekretärs muss man, wenn man über die Zukunft des Milchsektors spricht, vor allem den Menschen hinter den Zahlen sehen – den Landwirt, der täglich seine Tiere versorgt und dafür sorgt, dass die Milch den Verarbeiter und schließlich den Verbraucher erreicht.
„Wenn die Zahl der Milchviehbetriebe weiter zurückgeht, werden wir diesen Trend nicht allein durch Marktmechanismen aufhalten können. Die Viehzucht ist nicht nur ein Geschäft. Sie ist unsere Nahrungsmittelversorgung, ein lebendiger ländlicher Raum und strategische Widerstandsfähigkeit. Deshalb müssen wir den Landwirten die Voraussetzungen schaffen, nicht nur heute zu überleben, sondern auch mutig für morgen zu planen, zu investieren und den Betrieb an die nächste Generation weiterzugeben“ – sagt der stellvertretende Landwirtschaftsminister R. Taraškevičius.
In Litauen ist die Bedeutung des Viehzuchtsektors sogar noch größer. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind nicht nur mit Marktschwankungen konfrontiert, sondern auch mit geopolitischen, klimatischen, energetischen, tiergesundheitlichen und anderen Risiken.
Weniger Verwaltungsaufwand – mehr Investitionsmöglichkeiten
Litauen vertritt den Standpunkt, dass Umweltschutzziele zwar wichtig sind, ihre Umsetzung jedoch mit den tatsächlichen Möglichkeiten der Betriebe in Einklang gebracht werden muss.
Für Milchviehbetriebe, insbesondere kleinere, bedeutet jede neue Anforderung zusätzliche Investitionen, Verwaltungsverfahren und Kosten. Daher sind für neue Verpflichtungen realistische Übergangsfristen, eine ausreichende Finanzierung und verhältnismäßige Lösungen erforderlich.
„Wir sind nicht gegen hohe Umweltschutzstandards. Wir sind dafür, dass sie so umgesetzt werden, dass der Landwirt die Möglichkeit hat, wettbewerbsfähig zu bleiben. Wir dürfen die grüne Wende nicht in einem Tempo vorantreiben, das genau jene Betriebe vom Markt verdrängt, denen wir eigentlich beim Übergang zu einer nachhaltigeren Produktion helfen sollen“, betont der Staatssekretär.
Seinen Angaben zufolge muss die EU-Förderung nicht nur auf die Umsetzung neuer Anforderungen ausgerichtet sein, sondern auch auf die Modernisierung der Betriebe, Innovationen, Energieeffizienz, Risikomanagement sowie die Stärkung der Position der Landwirte in der Lebensmittelversorgungskette.
Wenn auf dem Markt Turbulenzen herrschen – Landwirte brauchen Schutzmechanismen
Eine weitere wichtige Botschaft aus Litauen – die Notwendigkeit, die Risikomanagementmaßnahmen auf dem EU-Markt zu stärken.
Der Milchsektor reagiert besonders empfindlich auf globale Marktschwankungen. Die Milchankaufspreise können sich schnell ändern, während die Kosten der Landwirte – für Futtermittel, Energie, Arbeitskräfte, Tierpflege und Investitionen – bestehen bleiben.
Daher spricht sich Litauen für wirksamere Mechanismen der EU-Agrarreserve, der privaten Lagerhaltung und der Interventionskäufe aus.
„Wenn auf dem Markt eine Krise ausbricht, kann ein Landwirt nicht einfach aufhören, seine Kühe zu melken, und abwarten, bis sich die Lage verbessert. Milch wird täglich produziert. Deshalb müssen die Hilfsmechanismen dann greifen, wenn sie am dringendsten benötigt werden, und nicht erst, wenn die Krise bereits vorbei ist““, so der Staatssekretär.
Litauen ist der Ansicht, dass bei schwerwiegenden Marktstörungen die Unterstützung aus der EU-Agrarreserve so schnell wie möglich mobilisiert werden sollte. Ebenso wichtig ist es, die Möglichkeit zur Gewährung von Beihilfen für die private Lagerhaltung von Milchprodukten aufrechtzuerhalten, wenn ein Teil der Produktion vorübergehend vom Markt genommen wird.
Als wichtiges Instrument der Marktregulierung betrachtet Litauen auch die Interventionskäufe von Butter, Magermilchpulver und Käse. Da sich die Interventionspreise über viele Jahre hinweg im Wesentlichen nicht verändert haben, fordert Litauen, zu prüfen, wie diese besser an die aktuellen Marktgegebenheiten angepasst werden können.