Warum sind die Millionen aus Saudi-Arabien für den estnischen Milchsektor auch eine gute Nachricht für die litauischen Milcherzeuger?

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Bei der Versteigerung der Werke in Paide und Põltsamaa des insolventen estnischen Milchverarbeitungsunternehmens „E-Piim Tootmine“ wurde ein Gebot in Höhe von 135,25 Millionen Euro abgegeben. Obwohl der endgültige Abschluss der Transaktion noch von weiteren Verfahren abhängt, wird dieses Angebot auf dem Markt mit dem saudischen Einzelhandelskonzern „BinDawood Holding“ in Verbindung gebracht. Noch wichtiger für den litauischen Milchsektor ist, dass die Führungskräfte von „BinDawood“ gleichzeitig in Vilnius mögliche Investitionen in die Milchverarbeitung unseres Landes erörterten – von einer neuen Fabrik bis hin zum Erwerb bereits bestehender Kapazitäten.

Dies könnte mehr sein als nur der Einstieg eines weiteren ausländischen Investors in die baltischen Staaten. Sollten die Pläne von „BinDawood“ in Litauen verwirklicht werden, würde Kapital in den Milchmarkt fließen, das nicht nur über die finanziellen Mittel zum Erwerb oder Bau einer Fabrik verfügt, sondern auch über ein eigenes Einzelhandelsnetz in Saudi-Arabien. Mit anderen Worten: Der Investor könnte einen wesentlich größeren Teil der Wertschöpfungskette kontrollieren – von der Produktion in Europa bis zum Verkauf der Produkte im Nahen Osten.

Die Geschichte von „E-Piim“ ist in dieser Hinsicht besonders aufschlussreich. Der im Juni eingeleitete Verkaufsprozess der Vermögenswerte des insolventen Unternehmens wurde in zwei Hauptobjekte unterteilt: Für die Werke in Paide und Põltsamaa wurde ein Startpreis von 80 Millionen Euro festgesetzt, während für das Werk in Järva-Jaani-Werk wurden 8 Millionen Euro festgesetzt. Am 14. August stellte sich heraus, dass für die Vermögenswerte in Paide und Põltsamaa 135,25 Millionen Euro geboten wurden. Das sind 55,25 Millionen Euro oder 69 Prozent mehr als der Startpreis. Es ist jedoch wichtig zu betonen: Es handelt sich hierbei um das bei der Auktion abgegebene erfolgreiche Gebot und nicht um den Wert einer bereits endgültig abgeschlossenen Transaktion.

Dieser Betrag ist nicht nur wegen seiner Höhe beeindruckend. Die Insolvenz von „E-Piim“ wurde im März 2026 verkündet, doch die Gläubiger beschlossen, die Produktion fortzusetzen, da in Betrieb befindliche Fabriken den Wert des Vermögens besser erhalten. Während der Insolvenzphase liefen die Produktionsstätten mit bis zu 30 Prozent ihrer Kapazität, während die Verpackungsanlage in Põltsamaa mit voller Kapazität arbeitete. Das Unternehmen beglich zudem seine Verbindlichkeiten gegenüber den Milcherzeugern und anderen Partnern fristgerecht. Das bedeutet, dass ein potenzieller Käufer nicht nur die Gebäude und die technische Ausrüstung erhält, sondern auch das bestehende Produktionsteam, die laufenden Prozesse und die Milchversorgungskette.

Gerade der Produktionsumfang ist einer der wichtigsten Aspekte dieser Transaktion. Die neue Käserei in Paidė kann bis zu 1.200 Tonnen Rohmilch pro Tag verarbeiten. Theoretisch würde dies, wenn sie das ganze Jahr über mit maximaler Kapazität laufen würde, etwa 438.000 Tonnen Milch pro Jahr ausmachen. Diese Zahl sollte jedoch nicht mit der tatsächlichen Verarbeitungsmenge verwechselt werden – die reale Auslastung der Fabrik während der Insolvenzphase war deutlich geringer.

Dennoch lässt schon die theoretische Menge von 438.000 Tonnen erkennen, warum eine solche Fabrik für einen internationalen Investor strategisch interessant sein kann. Im Jahr 2025 wurden mehr als 90 Prozent der Produktion von „E-Piim“ exportiert, und das Unternehmen beschäftigte etwa 180 Mitarbeiter. Es handelt sich nicht nur um eine Molkerei für den estnischen Binnenmarkt – es ist eine Produktionsstätte, die für den internationalen Handel konzipiert wurde.

Eine weitere wichtige Zahl verdeutlicht das Liefervolumen von „E-Piim“. In den Auktionsunterlagen wird angegeben, dass die durchschnittliche Milchannahme im Jahr 2025 etwa 700 Tonnen pro Tag betrug und die Rohmilch von Landwirten aus Estland und Lettland bezogen wurde. Das bedeutet, dass selbst eine deutlich geringere Auslastung als die maximale Kapazität der Molkerei eine erhebliche Nachfrage auf dem baltischen Milchmarkt darstellte.

Die wichtigste Frage für die litauischen Landwirte ist jedoch nicht, zu welchem Preis die estnische Molkerei gekauft wurde. Das Wichtigste ist – was der neue Investor in Litauen vorhat.

Und hier ergibt sich ein potenziell sehr interessantes Szenario. Am 13. August erklärte der Geschäftsführer von „BinDawood Holding“ , Ahmad BinDawood, in Litauen, dass das Unternehmen mehrere Möglichkeiten in Erwägung ziehe: den Bau einer eigenen Fabrik, die Nutzung der bereits vorhandenen litauischen Infrastruktur oder den Einkauf von Lebensmitteln bei litauischen Unternehmen. Landwirtschaftsminister Kęstutis Mažeika bestätigte, dass der Investor besonders am Milchsektor interessiert sei und die Möglichkeit erwägt, die bestehenden Milchverarbeitungskapazitäten ganz oder teilweise zu erwerben.

Es handelt sich im Wesentlichen um drei unterschiedliche Szenarien, deren Auswirkungen auf die litauischen Milchviehbetriebe unterschiedlich wären.

Sollte „BinDawood“ in Litauen eine neue, groß angelegte Molkerei errichten, würde dies zu einer zusätzlichen Nachfrage nach Rohmilch führen. Angesichts des begrenzten Angebots würde ein neuer Abnehmer potenziell den Wettbewerb der Verarbeiter um Milch verstärken und die Verhandlungsposition der Landwirte verbessern.

Würden bereits bestehende Verarbeitungskapazitäten aufgekauft, sähe die Situation anders aus. In diesem Fall würde das Auftreten eines neuen Eigentümers an sich keine zusätzliche Nachfrage nach Milch schaffen – vielmehr würde sich die Kontrolle über Kapital und Geschäftsstrategien auf dem Markt grundlegend verändern.

Drittes Szenario – Export der von litauischen Unternehmen hergestellten Produkte nach Saudi-Arabien. In diesem Fall wären die Auswirkungen auf die Landwirte noch indirekter, da der Investor bereits verarbeitete Produkte kaufen würde und nicht unbedingt seinen Einkauf von Rohmilch erhöhen würde.

Daher wäre es zu gewagt zu behaupten, dass der Einstieg von „BinDawood“ in Litauen automatisch höhere Milchankaufspreise bedeuten würde. Es wäre jedoch ebenso falsch, das Potenzial einer solchen Investition zu unterschätzen. Sollte der saudiarabische Konzern tatsächlich eine neue Fabrik errichten und dafür erhebliche Mengen an litauischer Milch benötigen, könnte dies zu einem neuen Wettbewerbsfaktor auf dem Markt werden.

An dieser Stelle stellt sich für die litauischen Landwirte auch eine praktische Frage. Sollte ein neuer Großabnehmer auf dem Markt erscheinen, könnten die langfristigen Milchlieferverträge, die den Betrieben heute Stabilität bieten, könnten morgen an Attraktivität verlieren, sollte der neue Marktteilnehmer wettbewerbsfähigere Konditionen anbieten. Daher lohnt es sich für die Landwirte, nicht nur die öffentlich bekannt gegebene Investitionssumme im Auge zu behalten, sondern auch zu beobachten, wie groß die Rohstoffbasis sein soll, die der neue Investor plant, wo sich die Fabrik befinden würde, wann sie den Betrieb aufnehmen könnte und für die Herstellung welcher Produkte die Milch verwendet würde.

Im Fall von „BinDawood“ ist noch ein weiterer Aspekt besonders wichtig: Es handelt sich nicht um einen Finanzinvestor, der einfach eine Fabrik kauft und dann nach Abnehmern für die Produktion sucht. Das Unternehmen ist einer der größten Einzelhandelskonzerne Saudi-Arabiens. Ende 2025 betrieb es 103 Filialen und beschäftigte mehr als 13.000 Mitarbeiter. Die litauische Regierung gibt bekannt, dass eine potenzielle Investition in die Milchverarbeitung mit der Belieferung des saudischen Marktes verbunden sein könnte.

Dies könnte ein wesentlicher Bestandteil der Investitionslogik sein. In Litauen hergestellter Käse oder andere Milchprodukte müssten nicht unbedingt auf dem litauischen Markt verkauft werden. Sie könnten über die dem Investor zur Verfügung stehenden Einzelhandelskanäle nach Saudi-Arabien gelangen. In diesem Fall wäre die litauische Milch kein Endprodukt für den lokalen Verbraucher, sondern ein Rohstoff für die internationale Lieferkette.

Die „E-Piim“-Transaktion in Estland macht diese Strategie noch interessanter. Sollte „BinDawood“ tatsächlich Eigentümer der Fabriken wird, erhält das Unternehmen eine funktionierende Produktionsbasis in der EU, die bis zu 1.200 Tonnen Milch pro Tag verarbeiten kann, sowie Zugang zu Rohstoffen aus dem baltischen Raum. Dies ermöglicht es dem saudischen Einzelhandelskonzern potenziell, nicht nur europäische Milchprodukte zu importieren, sondern auch einen Teil ihrer Produktion selbst zu kontrollieren.

Die Geschichte von „E-Piim“ enthält jedoch auch eine wichtige Lehre für den litauischen Milchsektor. Moderne Fabriken allein reichen nicht aus. Die Fabrik in Paidė wurde mit großen Investitionserwartungen errichtet, doch das Unternehmen geriet schließlich in finanzielle Schwierigkeiten und ging in Konkurs. Schon vor der Insolvenz war öffentlich von Verbindlichkeiten gegenüber Banken in Höhe von mehr als 100 Millionen Euro die Rede.

Daher wird der Erfolg eines neuen Investors nicht nur davon abhängen, wie viel er für die Fabrik bezahlt hat. Entscheidend werden drei Faktoren sein: Wie viel Milch wird realistisch gesehen gesammelt werden können, wie hoch werden die Produktionskosten sein und zu welchem Preis lassen sich die Produkte auf den internationalen Märkten verkaufen.

Für Litauen ist diese Geschichte zugleich eine Chance und eine Bewährungsprobe. Eine Chance – neues Kapital in einen Sektor zu holen, der Investitionen, Modernisierung und höhere Exportwerte benötigt. Eine Bewährungsprobe – ob Litauen in der Lage sein wird, dem Investor nicht nur einen Standort für die Fabrik, sondern auch eine ausreichende Rohmilchbasis, wettbewerbsfähige Energieversorgung, Logistik, Arbeitskräfte sowie ein stabiles Geschäftsumfeld zu bieten.

Für die litauischen Milcherzeuger bleibt die wichtigste Frage vorerst offen: Wird der „BinDawood“- ein neuer Abnehmer für Rohmilch schaffen oder lediglich einen neuen Kapitalgeber für ein bereits bestehendes Verarbeitungsunternehmen?

Von der Antwort auf diese Frage hängt auch ab, ob die saudische Investition zu einem echten Wettbewerbsschub vor den Toren der litauischen landwirtschaftlichen Betriebe führen wird. Sollte eine neue Fabrik gebaut werden, die Hunderttausende Tonnen Milch benötigt, könnte sich der Wettbewerb der Verarbeiter um Rohmilch verschärfen. Wird hingegen ein bereits bestehendes Unternehmen aufgekauft, werden die Auswirkungen ganz anders ausfallen. Sollte sich „BinDawood“ auf den Kauf der Produktion litauischer Erzeuger beschränken, könnte der größte Gewinn nicht im Milchankaufspreis liegen, sondern in der Erschließung neuer Exportmärkte.

Es ist daher heute noch zu früh, um zu behaupten, dass saudisches Kapital bereits den litauischen Milchpreis in die Höhe treibt. Allerdings lässt sich bereits jetzt etwas Wichtigeres feststellen: Der baltische Milchmarkt ist für internationales Kapital so interessant geworden, dass für einen der modernsten Milchproduktionskomplexe der Region 135,25 Millionen Euro geboten wurden, wobei der Käufer gleichzeitig in Litauen nach weiteren Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten würde. Sollte dies geschehen, könnte im litauischen Milchsektor ein neuer Akteur auftauchen, der nicht nur über Kapital, sondern auch über einen eigenen Vertriebskanal in einem der reichsten Märkte des Nahen Ostens verfügt. Und dann würde der echte Wettbewerb nicht mehr zwischen den Fabriken stattfinden, sondern darum, wem die Milch gehören wird.

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