Traktoren in Warschau sind kein Protest, sondern eine Diagnose für Litauen. Warum sind die Polen nicht mehr glücklich? (VIDEO)

Am Donnerstagabend zogen Traktorenkonvois polnischer Landwirte in Warschau ein, und für Freitag ist in der Hauptstadt ein großer "Stop Mercosur"-Protest geplant. Dies ist kein isolierter Protest oder ein emotionaler Ausbruch, sondern eine klare Diagnose der sich vertiefenden strukturellen Probleme nicht nur in der polnischen Landwirtschaft, sondern in der Landwirtschaft in Mittel- und Osteuropa insgesamt. Diese Prozesse haben unmittelbare Auswirkungen auf Litauen, dessen Agrarsektor auf demselben Markt tätig ist und vor ganz ähnlichen Herausforderungen steht.

>

Dutzende, nach manchen Schätzungen sogar Hunderte von Traktoren aus Opole, Olesnica und anderen Regionen haben ihre Motoren angelassen und sich auf den Weg in die Hauptstadt gemacht. Nach Ansicht der Landwirte selbst stimmen die Geschäftszahlen nicht mehr: Die Einkommen schrumpfen, während die Kosten hoch bleiben, und ein grundlegender Wandel ist notwendig. Nach Angaben der Organisatoren könnten sich mehrere Tausend Landwirte dem Protest in Warschau anschließen. Die Bewegung ergänzt die massiven Straßenblockaden von 2024, an denen sich landesweit mehr als 150.000 Landwirte beteiligt haben.

Am Freitagmorgen begann die Polizei, die Bewegung von Traktorenkolonnen auf den Zufahrten zur Hauptstadt einzuschränken. Die Organisatoren der Straßenkolonnen gaben dies bekannt und wiesen darauf hin, dass an den Eingängen zu Warschau vorübergehend Verkehrsschilder aufgestellt wurden, die die Einfahrt schwerer Landmaschinen in die Stadt verbieten. Die Landwirte selbst hoffen jedoch, dass zumindest einige von ihnen die Hauptstadt erreichen und ihre Forderungen öffentlich machen können.

Die wirtschaftlichen Gründe für diese Unzufriedenheit sind klar und gut begründet. Nach Angaben des polnischen Statistikamtes (GUS) werden die Getreideeinkaufspreise in Polen im Jahr 2023 um rund 30–40 Prozent gegenüber dem Höchststand im Jahr 2022 gefallen sein. Der Weizenpreis ist in einigen Monaten auf rund 185 Euro/Tonne gefallen, während die realen Produktionskosten in vielen Betrieben bei 210 Euro/Tonne lagen. Mit anderen Worten: Einige Landwirte waren gezwungen, ihre Produktion unter den Kosten zu verkaufen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kosten nach wie vor hoch sind: Die Düngemittelpreise sind zwar gegenüber den Rekordwerten von 2022 gesunken, liegen aber immer noch um 40 bis 60 Prozent höher als vor der Pandemie, während die Kosten für Kraftstoff, Strom und Arbeit in den letzten fünf Jahren um durchschnittlich 25 bis 35 Prozent gestiegen sind.

2024–2025 ist für die Landwirte eine noch größere Herausforderung geworden. Die Weizenpreise an den internationalen Börsen blieben aufgrund des Überangebots und der schwächeren Nachfrage unter Druck. Ende 2024 und Anfang 2025 schwankten die Weizenpreise auf dem polnischen Inlandsmarkt häufig im Bereich von 170–180 Euro pro Tonne, mit einigen Transaktionen auf noch niedrigerem Niveau. Dies hat dazu geführt, dass sich die Preise weiter von den tatsächlichen Produktionskosten entfernt haben und sich die finanzielle Lage der landwirtschaftlichen Betriebe noch weiter verschlechtert hat. Für viele Landwirte ist dies eher ein strukturelles Problem als eine vorübergehende Notlage.

Der starke Anstieg der Importe aus der Ukraine hat ebenfalls direkt zum Preisverfall beigetragen. Im Jahr 2023 wurden mehr als 4 Millionen Tonnen ukrainisches Getreide nach Polen importiert, verglichen mit weniger als 1 Million Tonnen im Jahr vor dem Krieg. Diese Ströme haben nicht nur die Preise auf dem heimischen Markt gedrückt, sondern auch zu einer Lagerkrise geführt; nach Schätzungen von Bauernverbänden bleiben in manchen Regionen bis zu 20–25 % der Ernte auch Monate nach der Ernte unverkauft. Dies ist nicht nur ein Problem in Polen, auch in Litauen wurden ähnliche Vorgänge beobachtet, vor allem in Zeiten, in denen der regionale Getreidemarkt mit einem Überangebot konfrontiert war.

Ein weiterer Grund zur Besorgnis ist das geplante Handelsabkommen der Europäischen Union mit den Ländern des Mercosur“. Nach dem öffentlich diskutierten Verhandlungsentwurf könnte die EU bis zu 99.000 Tonnen Rindfleisch pro Jahr mit reduzierten Zöllen zulassen, ebenso wie erhebliche Mengen an Geflügelfleisch, Zucker und Ethanol. Die polnischen Landwirte weisen darauf hin, dass die Kosten für die landwirtschaftliche Produktion in Südamerika oft 20-30 % niedriger sind als in der EU und dass die Umwelt-, Pestizid- und Tierschutznormen viel lockerer sind. Diese Situation führe zu ungleichen Wettbewerbsbedingungen auf einem Markt, auf dem Polen jährlich rund 35 Millionen Tonnen Getreide produziert und einer der wichtigsten Lieferanten von Lebensmitteln für den EU-Binnenmarkt ist. Für Litauen, dessen Agrarsektor ebenfalls stark exportorientiert ist, könnten solche Änderungen zusätzlichen Preisdruck und noch größere Unsicherheit bedeuten.

Diese Entwicklungen haben auch eine klare soziale Dimension. In Polen sind rund 1,3 Millionen Menschen in der Landwirtschaft tätig, und mehr als 40 % der Bevölkerung des Landes leben in ländlichen Gebieten. Dies bedeutet, dass sich die wirtschaftlichen Probleme der Landwirtschaft unweigerlich auf die regionale Beschäftigung, die lokalen Unternehmen und die demografische Entwicklung auswirken. Ähnliches gilt auch für Litauen, wo die ländlichen Gebiete bereits mit Entvölkerung, fehlenden Dienstleistungen und wachsender sozialer Ausgrenzung zu kämpfen haben.

Die Landwirte warnen, dass ohne eine stabile, vorhersehbare und wirtschaftlich solide Politik kleine und mittlere Betriebe gezwungen sein werden, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Langfristig bedeutet dies eine stärkere Konzentration der Produktion, eine zunehmende Importabhängigkeit und eine Schwächung der regionalen Lebensfähigkeit.

Der polnische Traktorenmarsch nach Warschau ist Teil eines größeren europäischen Kontextes – in mindestens 15 EU-Ländern sind für 2024– 2025 Bauernproteste angemeldet worden. Dies zeigt, dass das Problem nicht isoliert oder vorübergehend ist. Traktoren in Warschau heute – dies ist nicht nur ein Geräusch, sondern eine Warnung. Für Litauen bleibt die Frage offen: Wird dieses Signal rechtzeitig gehört, oder werden sich ähnliche Kolonnen auch auf unseren Straßen bewegen?

Das Außenministerium der Republik Litauen hat erklärt, dass der EU-Mercosur-Vertrag im Grundsatz gebilligt worden ist. Auch das von Andrius Palionis geleitete Landwirtschaftsministerium hat keine Einwände gegen das Abkommen und hat dem Europaausschuss eine Erklärung vorgelegt.

Video