Der Milchsektor am Scheideweg: Können Zusammenarbeit und neue Märkte den Tag retten?
Der europäische Milchsektor steht heute vor einer großen Herausforderung. Die kurz vor Weihnachten in Kraft getretenen Zölle von mehr als 42 % auf Käse, Sahne, Milch und andere Milcherzeugnisse, die aus der Europäischen Union nach China exportiert werden, haben das Marktgleichgewicht grundlegend verändert. China war lange Zeit einer der wichtigsten Absatzmärkte für europäische Milchüberschüsse, so dass die Schließung dieses Marktes einen schweren Schlag für das gesamte System darstellt.
Überproduktion drückt Preise nach unten
Die europäische Milcherzeugung ist in den letzten zehn Jahren um rund 12 Millionen Tonnen gestiegen und wird voraussichtlich jährlich um fast 1 Million Tonnen zunehmen. Das bedeutet keine steigende Nachfrage, sondern ein immer größeres Überangebot. Wenn ein Teil der Produktion, der früher in Drittländer ging, in der EU bleibt, sind die Folgen unvermeidlich: sinkende Preise und Druck auf die gesamte Lieferkette.
Litauen – das schwache Glied
Litauen befindet sich in dieser Situation in einer besonders schwachen Position. Der litauische Milchsektor ist eindeutig exportorientiert und der heimische Markt ist zu klein, um die Überschussmengen aufzunehmen. Infolgedessen schlägt der europäische Preisverfall sehr schnell auf die Milchpreise im Lande durch.
„Für die Landwirte bedeutet dies keine abstrakten Indikatoren, sondern tägliche Entscheidungen: ob sie weiterhin kostendeckend produzieren, ob sie ihre Bestände reduzieren oder ob sie die Milchviehhaltung ganz aufgeben. Kleine und mittlere Betriebe sind am stärksten gefährdet – sie sind die ersten, die den Tiefpunkt der Preise erreichen“, – betont der Direktor des Litauischen Rinderzüchterverbandes (LGVA), Dr. Edvardas Gedgaudas. Wichtig ist auch, dass der Einfluss der Genetik in diesem Prozess besonders wichtig wird, wenn man mit weniger Kühen mehr, aber billiger produzieren kann. Es ist nie zu spät, in effizientere Tiere zu investieren – es ist eine der billigsten Lösungen im heutigen Kontext.
Kooperation – notwendig, aber nicht ausreichend
Eine der am häufigsten genannten Lösungen – die Zusammenarbeit zwischen Milcherzeugern. Sie kann den Landwirten mehr Verhandlungsmacht verschaffen, zur Stabilisierung der Preise beitragen und Investitionen in Verarbeitung, Logistik oder Produkte mit höherem Mehrwert ermöglichen. Erfahrungen aus europäischen Ländern zeigen, dass dort, wo die Zusammenarbeit stark ist, Milchkrisen für die Landwirte weniger schwerwiegend sind.
Aber die Zusammenarbeit ist keine schnelle Lösung. Sie braucht Vertrauen, eine langfristige Strategie und eine klare öffentliche Politik, die das Miteinander der Landwirte fördert und nicht den Wettbewerb.
Neue Märkte – ein langer aber unvermeidlicher Weg
Dr. Gedgaudas weist darauf hin, dass mit der Schließung des chinesischen Marktes klar ist, dass der Milchsektor nicht von einigen wenigen Exportzielen abhängig sein kann. Die Suche nach neuen Märkten in Südostasien, dem Nahen Osten oder Afrika ist notwendig, aber schwierig. Sie erfordert Zertifizierung, politischen Dialog, Investitionen und Zeit. Der Landwirt kann es nicht allein schaffen – die Zusammenarbeit zwischen dem Staat, den Regierungen der einzelnen Sektoren und der Wirtschaft ist unerlässlich. Wenn wir unsere Erfahrungen und Fähigkeiten bündeln, können wir unsere Position stärken. Litauen muss den Ehrgeiz haben, den Milchsektor nicht nur lebensfähig, sondern auch wettbewerbsfähig zu halten, indem es innovative und qualitativ hochwertige Produkte herstellt. Es gibt immer Schwankungen auf den Märkten und schwarze Schwäne, aber als Milchland ist es für uns wichtig, nicht unterzugehen und die geplanten Arbeiten in den Milchviehbetrieben und der Verarbeitung fortzusetzen und den Inlandsverbrauch zu fördern.
Kein temporärer Zyklus, sondern eine strukturelle Krise
Es ist wichtig zu erkennen, dass es sich bei der aktuellen Situation nicht um eine kurzfristige Preisschwankung handelt. Es handelt sich um eine strukturelle Krise des Milchsektors, in der Überproduktion, Exportabhängigkeit und die schwache Marktposition der Erzeuger aufeinandertreffen. Wenn Europa die Produktion weiter steigert, ohne die reale Nachfrage zu berücksichtigen, könnte die Preisuntergrenze dauerhaft werden. Wenn die Krise zu einem Rückgang der Milcherzeugung führt, wird es sehr schwierig sein, das frühere Niveau wieder zu erreichen.
>Was ist heute zu wählen?
„Die Zukunft des Milchsektors wird davon abhängen, ob ein ausgewogener Weg eingeschlagen wird: Stärkung der Zusammenarbeit, aktive Suche nach neuen Märkten, Entwicklung neuer Produkte bei gleichzeitiger Gewährleistung stabiler Einkommen der Landwirte und größerer Verantwortung für die Überschussproduktion. Andernfalls wird der Milchsektor weiterhin als erster den Preis für globale Entscheidungen und die Schließung von Märkten zahlen müssen", sagt Dr. Gedgaudas und fügt hinzu, dass "die Instabilität in der Agrarpolitik nicht zur Stabilität des Milchsektors beiträgt, nicht nur in Litauen, sondern auch in der EU."
Heute sendet der Milchsektor ein sehr klares Signal: Ohne Einigkeit, Strategie und politischen Willen werden Preistiefs eher die Regel als die Ausnahme sein.