Nur 10 Stimmen: die Entscheidung, die den Mercosur stoppte und einen Sturm in Europa auslöste
Das Europäische Parlament setzt den Ratifizierungsprozess des Freihandelsabkommens zwischen der Europäischen Union und dem Mercosur-Block aus. Der Beschluss, den Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) mit der Prüfung der Vereinbarkeit des Abkommens mit den EU-Verträgen zu befassen, wurde in einer Plenarsitzung in Straßburg mit nur 10 Stimmen angenommen.
Das bedeutet, dass das "Mercosur"-Abkommen in den nächsten Monaten, wenn nicht sogar länger, nicht genehmigt werden wird. Die Entscheidung hat sowohl in politischen Kreisen als auch in der Landwirtschaft heftige Debatten ausgelöst.
Ein vorsichtiger Schritt oder politisches Hinhalten?
Der Europaabgeordnete Kazys Starkevičius glaubt, dass die Entscheidung des Europäischen Parlaments in direktem Zusammenhang mit der wachsenden Unzufriedenheit der Landwirte in ganz Europa steht.
„Ich denke, sie spiegelt die aktuelle Stimmung der Landwirte wider. Man hat den Eindruck, dass das EP mit seiner Klage vor dem Gerichtshof zeigen will, dass alles Mögliche getan wurde. Später wird man dann sagen können: 'Der Gerichtshof hat entschieden, also ist alles in Ordnung'. Ich würde dies eher als Vorsichtsmaßnahme denn als wirkliche Bremse sehen“, – sagt der Parlamentarier.
Der Vorsitzende des Ausschusses für Klimawandel, der ehemalige Europaabgeordnete Bronis Ropė, vertritt eine moderatere Position. Er sagte, dass jegliche Rechtsunsicherheiten geprüft werden müssen und dass diese Entscheidung einen wichtigen Präzedenzfall für die Zukunft schaffen könnte.
„Diese Frage wurde schon früher aufgeworfen, aber offenbar nicht ausreichend berücksichtigt. Deshalb reichten in der Plenarsitzung einige wenige Stimmen aus, um diese Entscheidung zu treffen. Es ist gut, dass der Vertrag zur Prüfung weitergeleitet wird; es wird in Zukunft sehr nützlich sein, eine klare rechtliche Bestätigung zu haben“, – sagt B. Ropė.
Viktas Pranckietis, Mitglied des Europäischen Parlaments, sieht sowohl Elemente politischer Verzögerungen als auch der Vorsicht.
„Ich denke, es gibt beide Optionen. Einerseits handelt es sich um ein normales Prüfverfahren, andererseits ist es eine Möglichkeit, die Entscheidung zu verzögern. Der Vertrag wurde von einer Mehrheit in der Europäischen Kommission gebilligt, aber es gab keine absolute Unterstützung für ihn", stellt er fest.
>Die litauischen Europaabgeordneten stimmten anders
Die namentliche Abstimmung im Europäischen Parlament zeigte auch, dass die Positionen der litauischen Abgeordneten auseinandergehen. Von den neun Abgeordneten, die ihre Stimme abgaben, unterstützten nur zwei - Aurelijus Veryga und Valdemaras Tomaševskis - die Entscheidung, den Fall an den Gerichtshof zu verweisen, während sieben dagegen waren.
Nach Ansicht von K. Starkevičius hat Litauen in anderen wichtigen Fragen oft keine einheitliche Position.„Die Position Litauens ist selten einheitlich, besonders unter den Abgeordneten des Europäischen Parlaments“, – erklärte er.
B. Ropė stimmt dem ebenfalls zu und weist darauf hin, dass es auch auf nationaler Ebene an einer klaren Position zum Mercosur-Abkommen mangelt.
V. Pranckietis sieht die Situation kritischer und weist darauf hin, dass die Bedeutung der Landwirtschaft unterschätzt wird.
„Litauen war nie geeint, und in Vilnius ist man sich oft nicht einmal bewusst, dass es eine Landwirtschaft gibt. Auch einige Abgeordnete des Europäischen Parlaments kennen sich in diesem Bereich kaum aus. Dabei macht die Landwirtschaft mindestens drei Prozent des BIP des Landes aus. Es ist schade, dass frei und ohne Konsultation abgestimmt wird", so die Politikerin.
>Die Landwirte begrüßten die Entscheidung
Für die Anrufung des Gerichtshofs der Europäischen Union stimmten 334 Abgeordnete bei 324 Gegenstimmen und 11 Enthaltungen. Gleichzeitig wurde ein zusätzlicher Antrag auf Anrufung des Europäischen Gerichtshofs mit 225 zu 402 Stimmen abgelehnt.
In der Praxis bedeutet dies, dass die endgültige Abstimmung über den Mercosur-Vertrag erst nach dem Urteil des Gerichtshofs stattfinden wird, wodurch der Prozess für mindestens einige Monate, möglicherweise sogar länger, ausgesetzt wird.
Europäische Landwirte begrüßten die Entscheidung. Ausländischen Medien zufolge sehen die Landwirte, die seit mehreren Tagen vor dem Europäischen Parlament protestieren, darin eine wichtige Bremse für das Abkommen, das in den letzten Monaten ernsthafte Sorgen um den Wettbewerb und die Zukunft der landwirtschaftlichen Betriebe aufgeworfen hat.
Der Sprecher der Europäischen Kommission, Olof Gill, bedauerte die Entscheidung und erklärte, dass die in der Resolution aufgeworfenen Fragen nicht neu seien und bereits während der Verhandlungen eingehend analysiert worden seien.
Der französische Außenminister Jean-Noël Barrot begrüßte unterdessen die Entscheidung und betonte die Notwendigkeit, die europäische Landwirtschaft zu schützen und die Ernährungssouveränität zu gewährleisten. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz vertrat die gegenteilige Ansicht, dass die Anrufung des Gerichtshofs die aktuelle geopolitische Lage nicht ausreichend berücksichtige.