Norwegischer Fisch, weißrussische Statistiken: Was ernährt Russland wirklich?

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Im Jahr 2025 war Weißrussland der größte Lieferant von Fischereierzeugnissen nach Russland und exportierte 112.000 Tonnen Fisch und Fischereierzeugnisse im Wert von 336 Millionen Euro nach Russland. Der Wert der Fische und Fischereierzeugnisse des Landes belief sich auf 112 Millionen US-Dollar. Bei den Ausfuhrmengen lag Belarus vor China (96 000 Tonnen) und der Türkei (75 000 Tonnen). Auf den ersten Blick mögen diese Zahlen den Eindruck erwecken, dass Weißrussland zu einer der wichtigsten Fischfangnationen in der Region geworden ist. Dies ist jedoch ein statistisches Paradoxon, da das Land keinen direkten Zugang zum Meer oder zum Ozean hat.

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In Wirklichkeit spiegeln die belarussischen Fischexportzahlen nicht die Entwicklung der Fischerei wider, sondern vielmehr die Struktur des Handels und der Verarbeitung. Die Rolle von Weißrussland auf dem russischen Fischmarkt basiert nicht auf lokalen Fängen, sondern auf einem Reexport- und Verarbeitungsmodell. Der meiste Fisch, der aus Weißrussland nach Russland gelangt, wird in Drittländern gefangen und als gefrorenes oder halbverarbeitetes Rohmaterial nach Weißrussland eingeführt. Die Verarbeitungsbetriebe im Land verarbeiten diese Rohware zu Filets, Halbfertig- oder Fertigprodukten, die dann als belarussische Ware exportiert werden.

Ein ähnlicher Mechanismus wurde im Fall der so genannten "belarussischen Garnelen" beobachtet. Nach der Besetzung der Krim durch Russland im Jahr 2014 und den westlichen Sanktionen verhängte Moskau weitreichende Einfuhrverbote für Lebensmittel aus der Europäischen Union, den USA, Kanada, Norwegen und anderen Ländern. Diese Beschränkungen betrafen auch Fisch und Shrimps. Bald darauf erschienen Medienberichte über weißrussische Garnelen, obwohl das Land selbst weder über die Infrastruktur für den Garnelenfang noch für die Garnelenzucht verfügt. Dies war ein klassisches Beispiel für Re-Export: Belarus wurde durch seine Freihandelsabkommen mit Russland zu einem Zwischenglied, über das aus anderen Ländern importierte Produkte auf den russischen Markt gelangten.

Bei der derzeitigen Handelsstruktur sind die wichtigsten Fischlieferanten Weißrusslands die Länder in den Fernfischereigebieten. Die größten Importe kommen aus Russland – hauptsächlich Pazifikfisch – Kabeljau, Seehecht. Dieser Fisch kommt als gefrorenes Rohmaterial nach Belarus und wird nach der Verarbeitung häufig wieder auf den russischen Markt gebracht. Bedeutende Mengen Fisch kommen auch aus Norwegen, vor allem Lachs und andere höherwertige Fische, die in Weißrussland verarbeitet und auf die Märkte der Region verteilt werden.

Norwegischer Fisch gelangt zwar nicht über den direkten Handel nach Weißrussland, sondern über Zwischenhändler in der Europäischen Union und Russland, so dass er in der offiziellen weißrussischen Importstatistik tendenziell als Import aus Drittländern "aufgelöst" wird. Ausgehend von der Analyse der Struktur der Handelsströme und den Einschätzungen der Marktteilnehmer kann davon ausgegangen werden, dass etwa 20 bis 30 % des in Belarus verarbeiteten Lachses und Weißfischs norwegischen Ursprungs sein könnten. Dies würde etwa 20–35 Tausend Tonnen pro Jahr bedeuten, je nach Jahr und Marktbedingungen.

Ein weiteres wichtiges Importziel für belarussischen Fisch ist Südamerika und die Atlantikregion, insbesondere Chile, Argentinien und einige westafrikanische Länder. Diese Märkte importieren gefrorenen Seehecht, Makrele und anderen Massenmarktfisch, der sich gut für die industrielle Verarbeitung eignet. Weitere Ströme kommen aus asiatischen Ländern, darunter China und Vietnam, hauptsächlich in Form von halbverarbeiteten Produkten oder als Rohmaterial für die Weiterverarbeitung.

Die Importstruktur Weißrusslands wird nicht von Endprodukten mit hoher Wertschöpfung dominiert, sondern von Rohstoffen, die entsprechend den Bedürfnissen des russischen Marktes verarbeitet und mit einer relativ geringen, aber stabilen Wertschöpfung verschifft werden. Dieses System ist besonders effektiv in einem Umfeld, in dem die direkten russischen Importe aus westlichen Ländern begrenzt sind.

Geopolitische Faktoren haben dieses Muster noch verstärkt. Russlands Einfuhrbeschränkungen und Gegensanktionen haben die Lebensmittelversorgungsketten in der Region grundlegend umgestaltet. Weißrussland ist zu einem der wichtigsten alternativen Bestimmungsländer geworden, da der Handel zwischen den beiden Ländern unter vereinfachten Zoll- und Veterinärkontrollverfahren abgewickelt wird. Dadurch können die Fischströme von den globalen Märkten zum russischen Verbrauch schnell durch die weißrussische Verarbeitungsinfrastruktur geleitet werden, was den Eindruck einer "Fischführerschaft" in einem Binnenland vermittelt.

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