Vom Persischen Golf bis zu den Kornkammern Litauens: Durch den Krieg im Iran droht ein Preisschock für Lebensmittel und Düngemittel
Der Krieg im Iran und die Spannungen in der Golfregion haben nach Angaben der Finnacinal Times eine ernsthafte Bedrohung für die weltweite Ernährungssicherheit geschaffen. Da die Lieferketten für Düngemittel unterbrochen sind und die Energiepreise in die Höhe schießen, warnen immer mehr Wirtschaftswissenschaftler und Agrarexperten vor einer möglichen weltweiten Nahrungsmittelkrise. Einer der Hauptgründe ist die Störung des Handels über die Straße von Hormuz. Etwa ein Viertel des Ölhandels auf dem Seeweg und ein großer Teil des Düngemittelhandels werden routinemäßig über diese schmale Seeroute zwischen Iran und Oman abgewickelt.
Düngemittel, insbesondere Harnstoff, sind eines der wichtigsten Elemente der modernen Landwirtschaft. Ohne sie würden die Erträge der meisten Kulturpflanzen stark zurückgehen. Jährlich werden weltweit rund 180 Millionen Tonnen Stickstoffdünger verbraucht, und rund 55–60 Millionen Tonnen Harnstoff werden jedes Jahr auf dem Seeweg transportiert. Die Golfregion ist auf diesem Markt besonders wichtig: Katar, Saudi-Arabien, der Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate, die sich im Epizentrum eines militärischen Konflikts befinden, haben bisher bis zu 40 % des weltweiten Harnstoffs exportiert.
Ein großer Teil dieses Düngers wird durch die Straße von Hormuz exportiert, die normalerweise etwa ein Drittel des weltweiten Harnstoffhandels ausmacht. Mit der Eskalation des Konflikts ist diese Route jedoch praktisch blockiert. Infolgedessen sind mehr als 1,1 Millionen Tonnen Harnstoff im Golf gestrandet und können die Weltmärkte nicht erreichen. Eine solche Versorgungsunterbrechung wirkt sich schnell auf das globale Agrarsystem aus, da der Düngemittelmarkt zeitabhängig funktioniert und normalerweise keine großen Reserven angelegt werden.
Der Markt hat schnell reagiert. Seit Beginn des Konflikts ist der Preis für Harnstoff um mehr als 40 % gestiegen, auf einigen Märkten sogar auf rund 700 USD pro Tonne. Gleichzeitig sind auch die Preise für andere Stickstoffdünger wie Ammoniak angestiegen und haben den höchsten Stand seit drei Jahren erreicht. Düngemittel machen etwa ein Viertel der Produktionskosten der meisten Getreidebetriebe aus, so dass ihre hohen Kosten die Rentabilität der Landwirte unmittelbar verringern und zu einer Verringerung der Anbaufläche führen können.
Das Problem wird durch die Verknappung von Erdgas noch verschärft. Die Stickstoffdüngerproduktion ist stark von Erdgas abhängig, das für die Synthese von Ammoniak verwendet wird. Einige asiatische Düngemittelfabriken waren bereits gezwungen, ihre Produktion aufgrund von Unterbrechungen der Gasversorgung einzustellen oder zu reduzieren. Dies hat das weltweite Angebot an Düngemitteln weiter reduziert und die Preise erhöht.
Experten betonen, dass Düngemittelengpässe dramatische Folgen für die Nahrungsmittelproduktion haben können. Bei einigen Kulturen können die Erträge ohne ausreichende Düngemittel um bis zu 50 % sinken. Das bedeutet, dass selbst kurzfristige Versorgungsunterbrechungen die gesamte Lebensmittelkette, von den Landwirten bis zu den Verbrauchern, beeinträchtigen können.
Länder, die in hohem Maße auf importierte Düngemittel angewiesen sind, sind am meisten gefährdet. Indien zum Beispiel importiert mehr als 40 % seines Harnstoff- und Phosphatdüngers aus dem Nahen Osten. Sollte die Versorgung länger unterbrochen werden, könnten diese Länder vor ernsthaften Problemen bei der Nahrungsmittelproduktion stehen. Ähnlich sieht es in einigen Ländern Afrikas und Südasiens aus, die weniger Finanzkraft haben, um mit teureren Düngemitteln zu konkurrieren.
Litauen ist in dieser Hinsicht ebenfalls besonders gefährdet, da der Großteil der landwirtschaftlichen Produktion auf Pflanzenbau beruht und rund 5 Millionen Tonnen Getreide exportiert werden.
Außerdem wirkt sich der Konflikt auch auf die Energiemärkte aus. Die Ölpreise sind in den ersten Wochen des Konflikts um mehr als 20 % auf über 110 USD pro Barrel gestiegen. Die Energiepreise treiben die Transport- und Produktionskosten in der gesamten Lebensmittelversorgungskette in die Höhe, von der Düngemittelproduktion bis zur Lebensmittelverarbeitung und Logistik.
Aus diesen Gründen sprechen Ökonomen zunehmend von der Möglichkeit einer neuen globalen Nahrungsmittelkrise, die den durch den russischen Krieg in der Ukraine verursachten Schock von 2022 erreichen oder sogar übertreffen könnte. Wenn sich der Konflikt hinzieht und die Straße von Hormuz geschlossen bleibt, könnte das globale Agrarsystem einem der größten Versorgungsschocks seit Jahrzehnten ausgesetzt sein.