Europa kann ohne eine starke Landwirtschaft strategisch nicht stark sein

ŽŪR nuotr.

Interview mit Algimanta Pabedinskienė, Präsidentin der litauischen Landwirtschaftskammer

Vor der Tagung des Europäischen Rates am 19. und 20. März haben Organisationen, die europäische Landwirte vertreten, Ratspräsident António Costa aufgefordert, eine starke Gemeinsame Agrarpolitik im Kontext der strategischen Widerstandsfähigkeit Europas zu gewährleisten. Wir sprechen mit Algimanta Pabedinskiene, Präsidentin der litauischen Landwirtschaftskammer, über die Bedeutung dieses Aufrufs und die Rolle der Landwirtschaft im aktuellen geopolitischen Kontext.

Kürzlich haben sich die europäischen Bauernverbände an den Präsidenten des Europäischen Rates gewandt. Warum ist dieser Appell gerade jetzt so wichtig?

Europa befindet sich derzeit in einer sehr komplexen geopolitischen Situation. Der Krieg in der Ukraine, die Instabilität im Nahen Osten, einschließlich der Konflikte mit dem Iran, zeigen, dass Europa seine strategische Autonomie stärken muss. Wir sprechen über Energie, Rohstoffe, Sicherheit, aber wir müssen auch über Ernährungssicherheit sprechen.

Deshalb haben die Selbstverwaltungsorganisationen der europäischen Landwirte, darunter die litauische Landwirtschaftskammer, an den Präsidenten des Europäischen Rates, António Costa, appelliert, die europäischen Staats- und Regierungschefs aufzufordern, die Landwirtschaft nicht zu vergessen, wenn es um Fragen der Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit geht. Ohne einen starken Agrarsektor kann Europa strategisch nicht widerstandsfähig sein.

Können wir sagen, dass die Landwirtschaft Teil der strategischen Sicherheit wird?

Kein Zweifel. Die Ernährungssicherheit ist eine Komponente der strategischen Resilienz. Die letzten Jahre haben deutlich gemacht, dass Lieferketten unterbrochen werden können, Energiepreise in die Höhe schießen können und geopolitische Konflikte direkte Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion haben können.

Eine starke, wettbewerbsfähige und überlebensfähige Landwirtschaft ist daher unerlässlich. Das ist nicht nur für die Landwirte wichtig – es ist für jeden in Europa wichtig. Europa muss sicherstellen, dass seine Bürger mit sicheren und hochwertigen Lebensmitteln versorgt werden und dass die ländlichen Regionen lebensfähig bleiben.

Was ist die wichtigste Botschaft, die die Bauernverbände an den Europäischen Rat richten?

Die wichtigste Botschaft ist, dass eine strategische Debatte über die Finanzierung und Struktur der zukünftigen Gemeinsamen Agrarpolitik so schnell wie möglich eingeleitet werden muss.

Wir sprechen über zwei zentrale Themen: den künftigen mehrjährigen Finanzrahmen für 2028-2034 und die Architektur der Gemeinsamen Agrarpolitik nach 2027. Das sind Entscheidungen, die sich nachhaltig auf den gesamten europäischen Agrarsektor auswirken werden.

Die Europäische Kommission hat nun Vorschläge für diese Politiken gemacht, aber sie wurden noch nicht auf höchster politischer Ebene diskutiert. Eine Debatte im Europäischen Rat ist daher unerlässlich.

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Warum machen sich die Landwirte Sorgen um die Finanzierung?

Die vorgeschlagene Kürzung der Mittel für die Landwirtschaft im mehrjährigen Finanzrahmen für 2028–2034 um rund 22% ist sehr besorgniserregend. Berücksichtigt man jedoch die Auswirkungen der Inflation, könnte die reale Kürzung der Unterstützung sogar noch höher ausfallen - nach manchen Schätzungen sogar um mehr als 50 Prozent.

Dies wirft sehr ernste Fragen auf. Wenn wir eine starke, wettbewerbsfähige und sich modernisierende Landwirtschaft wollen, muss die Finanzierung stabil und ausreichend sein.

Wie sind die Landwirte von den geopolitischen Entwicklungen betroffen?

Geopolitische Konflikte haben direkte Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Steigende Öl- und Gaspreise erhöhen zum Beispiel die Kosten für Düngemittel, Treibstoff, Transport und andere Betriebsmittel. Das bedeutet höhere Kosten für die Landwirte und weniger Wettbewerbsfähigkeit.

Wenn gleichzeitig die Mittel gekürzt werden, wird es für die Landwirte sehr schwierig, Investitionen und Modernisierungen zu planen oder sogar die Lebensfähigkeit ihrer Betriebe zu erhalten.

Welche Lösungen erwarten Sie von den europäischen Politikern?

Wir erwarten eine klare strategische Ausrichtung. Der Europäische Rat muss anerkennen, dass eine starke Gemeinsame Agrarpolitik für die Ernährungssicherheit in Europa, für die Lebensfähigkeit der ländlichen Regionen und für die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Europas als Ganzes unerlässlich ist. Heute, in einer zunehmend instabilen Welt, sind Investitionen in die Landwirtschaft Investitionen in die Sicherheit Europas.

Welche Rolle sehen Sie für die Bauernverbände in diesem Prozess?

Bauernverbände sind ein wichtiger Partner im Dialog. Wir vertreten die Interessen der Landwirte und können echte Informationen über die Situation des Sektors liefern.

Wir sind bereit, konstruktiv mit den europäischen Institutionen zusammenzuarbeiten und uns an der Debatte über die Zukunft der europäischen Landwirtschaft zu beteiligen. Unser Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass Entscheidungen auf verantwortungsvolle Weise getroffen werden und die langfristige Lebensfähigkeit des europäischen Agrarsektors sichergestellt wird.

Die Landwirtschaft ist nicht nur ein Wirtschaftszweig. Sie ist die Grundlage für Europas Stabilität, Ernährungssicherheit und strategische Widerstandsfähigkeit.

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